Neues zum Social Banking nach der Finanzkrise. Interview mit Prof. Benedikter (USA) zu seinem neuen Buch

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"Die Zukunft der demokratischen Finanzkulturen des 21. Jahrhunderts liegt in einer bewußteren gegenseitigen Ergänzung zwischen den USA und Europa“. Gespräch mit Buchautor Roland Benedikter über kulturelle Grundlagen und globalpolitische Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 - 10: Elemente für eine Analyse von Systemmechanismen der kommenden Jahre

Frage: Ihr neues Buch „Social Banking and Social Finance: Answers to the Economic Crisis“ (Springer Verlag New York, 13. Januar 2011 ) stellt in den ersten 3 Teilen die Ursachen der Finanzkrise als Zusammenwirken zweier Spekulationsblasen: der Derivate- und der Immobilienblase dar - also des Abdriftens großer Teile des volkswirtschaftlich verfügbaren Kapitals seit 1989 in zwei an sich unproduktive „Parasitär-Wirtschaften“. Diese standen spätestens ab einem bestimmen Punkt im Jahr 2007 in keinem Verhältnis mehr zur Realwirtschaft, was schliesslich zum Zusammenbruch führte. In den weiteren 11 Teilen des Buches geben Sie Hinweise, wie eine solche Krise in Zukunft verhindert werden kann. Im Kern geht es darum, dass Kapital nachhaltiger in der Realwirtschaft statt in den spekulativen Bereichen von „Phantasiewirtschaften“ eingesetzt wird.
Benedikter: Ja. Die „Phantasiewirtschaften“ - oder „Parasitär-Wirtschaften“ , wie ich sie in der Tat lieber nennen würde, weil das ihnen zugrundeliegende Gebahren weniger mit Phantasie, als vielmehr mit Gier zu tun hatte - wuchsen zwischen 1989 und 2007 nicht linear, sondern exponentiell. Sie verfünffachten sich allein zwischen 2002 und 2006 und betrugen 2007 516 Billionen (trillion) $ allein in einer der beiden Blasen, der Derivate-Blase: Kapital, das ohne Nachhaltigkeit nur auf der Suche nach schnellen Profiten wie ein riesiger Geier über der Erde kreiste, und dabei gleichsam der Realwirtschaft entzogen wurde. Ähnliche Summen werden für den Immobilienbereich kolportiert, der genau wie der Derivate-Bereich ja im Grunde nichts oder nur sehr wenig produziert, sondern dasjenige, was bereits vorhanden ist, durch Spekulation immer neu bewertet. Im Vergleich: Das gesamte Bruttosozialprodukt aller Staaten der Erde zusammen betrug 2008 50 Billionen (trillion) $ (etwa 15 Billionen $ davon sind der Anteil der USA), der US-Staatshaushalt 3 Billionen (trillion) $. Daran können sie die riesigen Ausmaße der Verzerrung erkennen, die zur Finanz- und Wirtschaftskrise führten.
Frage: Was bedeutet das?
Benedikter: Die Derivate-Blase bildete einen riesigen, von der Erde abgehobenen Schirm „jenseits“ der Realität; die Immobilienblase dagegen staute umgekehrt das Geld in Grund und Boden hinein, als „unterhalb“ der Realität. Beide waren unproduktiv und nährten sich von „Mittelerde“, vom Bereich der real arbeitenden Menschen: der Realwirtschaft. Und beide wirkten zusammen, stärkten sich gegenseitig – auf Kosten der Realwirtschaft. Immer größere Teile des weltweit verfügbaren Kapitals arbeiteten nicht mehr, sondern spekulierten auf reale Arbeit. Vergessen wir nicht, dass die riesigen Spekulationssummen von zusammengenommen zuletzt vermutlich mehr als 1000 Billionen (trillion) $ unter den neoliberalen Bedingungen zwischen 1989 und 2007 mehrheitlich aus bloßen Wetten auf reale sozio-ökonomische Entwicklungen bestanden – 2007 im geradezu unglaublichen Verhältnis von (wenigstens) 1:20 zur Realwirtschaft, also einem Teil Realwirtschaft und 20 Teilen Spekulation auf deren Entwicklung! Das sind allerdings nur die vorsichtigsten Schätzungen. Manche Analytiker gehen für das Jahr 2007 von einem Gesamtverhältnis zwischen Realwirtschaft und den zwei Parasitär-Wirtschaften von 1:50 aus. Das Feld ist bislang erst anfänglich erforscht, da aufgrund der großen Komplexität der beiden Parasitär-Wirtschaften viele Statistiken und Zahlen erst erarbeitet werden müssen.
Frage: Dazu liefern Sie in Ihrem Buch einen bislang so nicht vorhandenen Überblick über die wichtigsten aktuell verfügbaren Zahlen. Darauf aufbauend zeichnen sie das Gegenbild eines im 21. Jahrhundert möglichen „finanziellen Humanismus“, eines (analog zu „Greenpeace“) „Financepeace“ und einer „Befreiungsfinanz“. Zu den Möglichkeiten von „best practice“ Beispielen für einen essentielleren, seiner Natur nach angemesseneren Gebrauch von Kapital gehört Ihrer Meinung nach ein soziales Bank- und Finanzwesen, wie es in Deutschland zum Beispiel die GLS Bank Bochum oder die Triodos Bank repräsentieren. Dazu gehören aber auch regulative Maßnahmen für den globalisierten Banken- und Finanzsektor. Was halten Sie von den Maßnahmen, die unter dem Eindruck der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2010 bis heute von der internationalen Staatengemeinschaft getroffen wurden?

1. Globale Verschiebung am Überschneidungspunkt zwischen Wirtschaft und Politik

Benedikter: Darf ich Ihre Frage gleich am Beginn um einen Aspekt ergänzen, ohne den sie meines Erachtens weder qualitativ noch quantitativ angemessen zu beantworten ist?
Frage: Gerne.
Benedikter: Es ist zunächst wichtig zu sehen, dass die meisten regulativen Maßnahmen bisher vor allem von der angloamerikanischen Welt, darunter führend der USA, und Europa ausgehen, und sich mehrheitlich leider auch auf sie beschränken. Neue „global players“ wie etwa China stiegen aus der Findung gemeinsamer Strategien relativ früh aus. Sie unterliefen tiefergehende globale Strukturmaßnahmen eigentlich von Anfang an, und unterlaufen sie weiterhin – und zwar in eigenem Interesse. China benutzt seine riesigen Devisenreserven seit einigen Jahren ganz systematisch dazu, mittels zu 100% in Staatsbesitz befindlicher Banken, die aber wie internationale Privatgroßbanken funktionieren und handeln, weltweit strategische Ressourcen, Rohmaterialreserven, Technologien und Know-how aufzukaufen und sich dabei geopolitisch in zukunftsrelevanten Einflußsphären festzusetzen. Die chinesischen Milliardeninvestitionen in kriselnde europäische Volkswirtschaften wie Griechenland, Portugal oder Irland oder der seit dem dritten Quartal 2010 erneut massenhafte Aufkauf von amerikanischen Staatsanleihen im Umfang von mehr als 23 Milliarden $ sind dafür, wie die kommenden Monate und Jahre zeigen werden, nur Seitenmaßnahmen, um für Chinas finanz- und kapitalpolitische Expansion mittels Investitionen etwa in Afrika Stabilität mittels Abhängigkeit zu schaffen. In dieses Gesamtbild gehörte zum Beispiel im Februar 2011 auch der Griff der China Development Bank nach der durch die Krise angeschlagenen deutschen WestLB mit 13 Milliarden $ , aber auch die Tatsache, dass China während (und zum Teil als direkte Folge) der Krisenjahre die Weltbank als Kreditgeber für Entwicklungs- und Schwellenländer überholt hat.
Frage: Was geht hier vor?
Benedikter: Insgesamt sehen wir: China stößt nun finanzpolitisch in die Lücken, die die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-10 in die politische Vorherrschaft des Westens gerissen hat. Es versucht, diese Lücken mittels massiver Finanzspritzen strategisch in langfristiger Perspektive für sich zu nutzen. Die Schaffung von Stabilität mittels eines Netzes von Abhängigkeiten war in der chinesischen Geschichte stets eine wichtige Strategie – nicht zuletzt mit finanziellen Mitteln. Von Umgang mit Geld im Sinn einer global nachhaltigkeitsorientierten Finanzwirtschaft ist bei alledem natürlich keine Spur, da die gegenwärtige chinesische Führung davon ausgeht, dass ihre Maßnahmen im Sinne eines „kapitalnutzenden Kommunismus“ ohnehin bereits das größere Gut Chinas befördern, und damit die größte „Gemeinschaft“ der Erde bedienen. Mit – so hoffen die autoritären Machthaber – ihren Einflussbereich stärkenden und erweiternden Auswirkungen.
Frage: Das bedeutet?
Benedikter: Das bedeutet: Eine bessere Regulierung und internationale Eindämmung der in den neoliberalen Bush-Ären (Vater und Sohn) von den USA aus - mit zumindest passiver Unterstützung Europas - weitestgehend deregulierten internationalen Finanzströme ist heute macht- und wirtschaftspolitisch gesehen inzwischen nicht mehr im Interesse Chinas, wohl aber des Westens. Eine symptomatische Umkehrung der Verhältnisse. Wenn nicht gar eine Ironie der Geschichte.
Frage: …mit massiven globalpolitischen Implikationen!
Benedikter: Ja. Denn vor allem die Amerikaner sind nun hin- und hergerissen. Im Rahmen der alten Strategien globaler Machtpolitik mittels der neoliberalen laissez-faire Finanz- und Wirtschaftspolitik erweiterten private „global players“ westliche Einflußsphären auf andere Gebiete hinaus, indem sie ganze Branchen von Volkswirtschaften aufkauften (wie zum Beispiel die Immobilienbranche in Thailand 1998/99-2000 ). Sollen die USA diese Strategien nun nach der Finanzkrise wieder hochfahren, wie von Wall Street gefordert, um China nicht das Feld globaler Expansion mit (legalen) ökonomischen Mitteln zu überlassen? Das würde bedeuten, zu den alten Spielen eines globalen Raubtierkapitalismus zurückzukehren, um die Vorherrschaft des Westens zu sichern, solange es eben noch geht. Oder soll Amerika die Obama-Reformen weiterführen und auf eine stärkere multilaterale Regulierung des internationalen Finanzsektors drängen, wenn auch möglicherweise nur gemeinsam mit Europa und der angelsächsischen Welt? Die kollidierenden Interessen zwischen den zwei voraussichtlich größten und einflußreichsten Nationen der Welt des 21. Jahrhunderts, der nicht zufällig immer öfter bereits „G-2“ getauften China und USA, finden in den kommenden Jahrzehnten vermutlich in den Finanz- und Wirtschaftspolitiken einen wichtigeren Austragungsort als in den Macht- und Militärpolitiken, weil letztere aufgrund des Rüstungsniveaus inzwischen beider Mächte zu gefährlich sind und zu offener Konfrontation führen würden. Diese Hintergründe, die stark in geopolitischen Strategien verankert sind, erklären, warum die von Obama, Merkel, Sarkozy und Co. angestrebten Reformen des Banken- und Finanzsektors vor allem in den USA bei den Eliten auf so gemischte Gefühle stoßen und nicht wirklich weiterkommen. Das ist auch deshalb so, weil man aus globalpolitischen Gründen nicht sicher ist, ob man sich damit nicht selbst ins Fleisch schneidet.

2. Bisherige Maßnahmen: Korrektur oder Illusion?

Frage: In den USA und Europa wurden bisher ja tatsächlich Maßnahmen von eher gemischtem Wert, wenn nicht gar halbherziger Natur gesetzt.
Benedikter: Ja. Sie haben gesehen, dass zum Beispiel der lange und mit Spannung erwartete Untersuchungsbericht der US-Regierungskommission zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-2010 nach seiner Präsentation im Januar 2011 unüblich schnell wieder in der Versenkung verschwunden ist. Kommissionschef Phil Angelides sagte anlässlich der Präsentation dieses Berichts am 28. Januar 2011: „Einige an der Wall Street und in Washington, die ein Interesse am Status Quo haben, könnten versucht sein, diese Krise aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen.“ Das ist der Fall – aber nicht nur wegen der restaurativen Bestrebungen von Wall Street, sondern auch wegen der angeführten globalpolitischen Hintergründe.
Frage: Was waren denn die bisher wichtigsten Maßnahmen?
Benedikter: Zunächst einige eher populistische, wie die Begrenzung der Managergehälter durch Obama in den USA auf dem Höhepunkt der Krise 2009, was sich aber als Makulatur erwies und den Kern des Problems nicht berührte. Obamas Reformversuch einiger Grundpfeiler des US-Finanzsystems vom Juli 2010 war wichtiger: er implementierte ein Banken-Frühwarnsystem, eine bessere Kontrolle des Derivative-Marktes sowie Maßnahmen zur Erhöhung der Transparenz und der Haftung von sogenannten Hedgefonds und Schuldenhändlern. Außerdem wurde die Einrichtung einer staatlichen Konsumentenschutzagentur (Consumer Financial Protection Bureau) im Rahmen der US-Notenbank (Federal Reserve) anvisiert, sowie die Stärkung der Rechte von Aktieninhabern bei der Festlegung von Managergehältern. Etwa zeitgleich, im Juli 2010, schränkte das bundesdeutsche Parlament in Berlin den Derivative-Markt unilateral ein und verbot national einige extreme Praktiken des internationalen Hochrisiko-Sektors wie etwa sogenannte Leerverkäufe. Der G-20 Gipfel vom Juni 2010 in Toronto brachte eine - wenn auch nicht verpflichtende - Erklärung, dass die überbordenden nationalen Staatsdefizite eingeschränkt und bis 2013 im Durchschnitt halbiert werden sollen. Richtungsweisend war m. E. auch der Grundsatzentscheid des deutschen Bundesgerichtshofes im März 2011, dass Banken ihre Kunden besser über riskante Geldanlagen informieren und zur Not Rückerstattungs- bzw. Schadenersatzklagen in Kauf nehmen müssen.
Frage: Das alles scheint positiv.
Benedikter: Durchaus. Gleichzeitig konnten aber wichtige, wenn nicht gar für die Zukunft ausschlaggebende Maßnahmen, die unter dem Eindruck der Finanzkrise diskutiert wurden, nicht verwirklicht werden. Dazu gehört die Einführung einer internationalen Bankensteuer auf Hochrisikogeschäfte sowie eine verpflichtende Bankenabgabe zur Vorsorge gegen künftige Krisen. Sie wurden hauptsächlich von Deutschland und Frankreich vorgeschlagen, scheiterten aber am Widerstand der USA, Großbritanniens und Chinas. Insgesamt gesehen bleiben die bisherigen Reformanstrengungen ambivalent. Sie führen zwar zu einer gewissen Stabilisierung des bisherigen Systems, verändern dieses System aber nicht im Kern. Daher bleibt ihr tatsächlicher Innovationswert bislang unklar.
Frage: Inwiefern?
Benedikter: Es ist in der internationalen finanz- und wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion derzeit eine offene Frage, ob die bisher getroffenen Maßnahmen eine wirkliche Veränderung jenes globalisierten Finanzsystems darstellen, das sich in der Krise 2007-2010 als bankrott erwiesen hat, oder ob sie ironischerweise nur dieses bisherige, alte System gerettet und indirekt sogar gestärkt haben. So stehen die Finanzexperten Ian Bremmer und Nouriel Roubini mit ihrer Meinung nicht allein, dass „es sehr unwahrscheinlich ist, dass der (bisherige) Prozess, eine neue internationale Finanzarchitektur zu schaffen, eine Struktur schaffen kann, die mit irgendwelchen langfristig glaubwürdigen Bauvorschriften im Einklang steht.“
Frage: Wo liegt das Hauptproblem?
Benedikter: Wir werden insbesondere sehen müssen, wie sich das Verhältnis zwischen Realwirtschaft und Spekulationswirtschaften entwickeln wird - also zwischen dem konkret produktiven Zentrum der Wirtschaft (einschließlich seiner Voraussetzungen in der Finanzwirtschaft) und den zwei „Wasserköpfen“, die sich zwischen 1989 und 2007 oberhalb (Derivate-Blase) und unterhalb (Immobilienblase) der Realwirtschaft aufgebaut haben. Wurden diese „Parasitär-Wirtschaften“ wirklich trockengelegt, so wie es versprochen wurde, und wurde ein Großteil des abgedrifteten Kapitals wirklich in die Realwirtschaft zurückgeführt? Oder war das nur eine Hoffnung, ein Traum auf Verbesserung in einer bestimmten Lage unter bestimmen Bedingungen? Das werden wir erst noch zu sehen haben, und zwar sehr genau, empirisch und ohne ideologische Scheuklappen.
Frage: Sie scheinen - schon in der Formulierung dieser Aussagen - hier eher skeptisch zu sein. Sie legen auch in Ihrem Buch zumindest indirekt nahe, dass die angestrebten Ziele einer Neuregulierung nicht erreicht wurden. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Zukunft?
Benedikter: Es bedeutet: Das internationale Banken- und Finanzsystem bleibt auch nach den bisher getroffenen Maßnahmen relativ instabil und gefährdet, in neue Krisen zu geraten.
Frage: Zum Beispiel?
Benedikter: Es gibt Hinweise darauf, dass die weltweit größten Banken nach der Krise und den folgenden Maßnahmen gefährdeter sind als vor der Krise. Dies nicht zuletzt deshalb, weil zweieinhalb Jahre nach dem Kollaps der „Lehmann Brothers“ im September 2008 viele der global größten Banken weiter gewachsen sind, statt - wie von der Politik gefordert - „gesundzuschrumpfen“. Sie sind nun größer und instabiler als zuvor. In der ersten Hälfte 2010 kollabierten weitere 86 US-Banken, und der „Stresstest“, den die Europäische Zentralbank in Zusammenarbeit mit der Europäischen Bankenaufsicht (CEBS) im Juli 2010 ausführte, führte zum Versagen von sieben Banken. Das sind Hinweise darauf, dass ungeachtet aller Anstrengungen keine ausreichende Nachhaltigkeit des Finanzsektors in Sicht ist. Außerdem scheinen viele Banken bereits wieder zu den alten Praktiken von Intransparenz, Spekulation, Hochrisiko und schlechter Kundenberatung zurückgekehrt sein. Nicht zu Unrecht hat der deutsche Bundespräsident Christian Wulff vor rund 1000 Finanzvertretern auf dem deutschen Bankentag in Berlin Ende März 2011 erklärt, er glaube nicht an einen Lerneffekt bei den Banken, da diese „zu den alten Verhaltenweisen zurückgekehrt“ seien, immer noch zu wenig Verantwortung für die Gesellschaft übernähmen und bislang nichts aus der Krise gelernt hätten. Dass eine der großen internationalen Banken, die Deutsche Bank, im August 2010 erklärte, bis auf weiteres nicht in erneuerbare Energien in den USA investieren zu wollen, weil es weiterhin „dauerhafte Sorgen“ über eine „unzureichende Nachhaltigkeit“ des US-Finanzsektors und damit auch der US-Wirtschaft gebe, trägt auch nicht dazu bei, von einer dauerhaften Lösung der Probleme auszugehen.
Frage: Auf der anderen Seite hat das geplante Rahmenabkommen Basel III des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht an der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zur Verminderung des Krisenrisikos, das seit Ende 2010 diskutiert wird, doch auch einige technisch sinnvolle Maßnahmen vorgeschlagen?
Benedikter: Meines Erachtens ja. Unter diesen Maßnahmen, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen, sind u.a. die Erhöhung des Eigen- und des Kernkapitals der Banken, die Einführung eines Kapitalerhaltungspuffers und einer Inflationsreserve, sowie die Begrenzung der Haftung der öffentlichen Hand. Allerdings rühren auch diese Maßnahmen nicht an den Kern des Problems: An die bisherige Kultur, die „forma mentis“ des Umgangs mit Kapital und die Grundmechanismen des internationalen Finanzsystems – also an das finanzpolitische Paradigma, das weitgehend unverändert weiterbesteht.
Frage: Das heißt?
Benedikter: Die meisten Maßnahmen erfolgten innerhalb des Systems, nicht als Korrekturen des Systems. Im Grunde ist substantiell bisher sehr wenig geschehen, und die Lehren aus der Krise wurden eher im Feld des Denkens über Wirtschaft und Finanz gezogen, als in der Praxis. Insofern ist ein Haupteffekt der Krise bisher eher das Anwachsen eines Gegensatzes zwischen Denken und Handeln in der Finanzwirtschaft. Neue Institute von Nobelpreisträgern wie zum Beispiel das „Institute For A New Economic Thinking“ New York von Joseph Stieglitz und Ian Golding oder akademisch anerkannte Initiativen wie die „Bruce Initiative on Rethinking Capitalism“ an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz betrachten das im den vergangenen Jahrzehnten dominierende Wirtschaftsdenken als gescheitert. Sie versuchen das Denken über Finanz, Kapital und Ökonomie zu öffnen und sind nun im Gegensatz zu den vergangenen Jahrzehnten auch erstmals bereit, alternative Ansätze wie das soziale Bank- und Finanzwesen oder das sogenannte „Socially Responsible Investing“ (SRI) ernsthaft einzubeziehen.
Frage: Bedeutet das, dass wir nun eine bislang unbekannte Vielheit und Pluralität von Ansätzen haben, Wirtschaft und Finanz zu denken? Das wäre doch im Prinzip ein positiver Effekt der Krise.
Benedikter: Ja, durchaus. Aber die Auswirkungen von Denken sind stets zeitverzögert und werden - wenn überhaupt - erst in einigen Jahren in der Realität sichtbar und spürbar werden, nämlich in einer neuen Generation von Finanzakteuren und Wirtschaftstreibenden.
Frage: Was wären in dieser Lage Alternativen oder zumindest sinnvolle Ergänzungen zu regulatorischen Maßnahmen?
Benedikter: Nicht ganz zu Unrecht hat der Harvard-Wirtschaftsgeschichte-Professor Niall Ferguson im Gefolge der Krise erklärt, die Zukunft liege weniger in neuen Regulativen, weil diese in der globalisierten Welt nicht dauerhaft realistisch seien, sondern vielmehr in einem neuen, verpflichtenden „hippokratischen Eid“ für Absolventen der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften. Damit könnte man das gesamte Feld des Umgangs mit Geld und Kapital an seiner Wurzel ethischer machen, und den Generationenwandel für einen finanziellen Wandel „von unten“ nutzen. Aber auch das ist letztlich natürlich ein ambivalentes Statement, weil es indirekt nur erneut die regulatorische Veränderungsresistenz des globalen Finanzsystems anzeigt.

3. Neue Blasen – und ihre Folgen

Frage: Wenn aber dieses System so resistent ist – waren dann die Rettungsaktionen der internationalen Staatengemeinschaft für die Banken nicht nur Makulatur?
Benedikter: Möglicherweise. Der italienische Finanzminister Giulio Tremonti hat auf dem Pariser Kongreß „Neue Welt, neuer Kapitalismus“ im Januar 2011 etwas meines Erachtens sehr Richtiges gesagt: „Die Krise ist nicht vorbei. Wir haben die Banken mit Steuergeldern gerettet, aber mit ihnen auch die alte rücksichtslose Spekulation. Das Ergebnis ist, dass wir in gewisser Weise zum Ausgangspunkt zurückgekehrt sind. Es ist wie ein Bumerang. Oder vielleicht mit einer besseren Analogie ausgedrückt, wie in einem Videospiel: je mehr Monster man erschießt, umso mehr neue tauchen auf.“
Frage: Wenn das so ist - stehen dann nicht notgedrungen neue Krisen bevor? Und wenn ja, welcher Art?
Benedikter: Das ist im Einzelnen schwer vorherzusagen. Dass sich aber derzeit – nach dem Zusammenbruch der Derivate- und Immobilienblasen – bereits neue Blasen bilden, weil das Spekulationskapital auf neue Felder ausweicht, um das parasitäre „Wetten-Spiel“ auf die Realwirtschaft unverändert nach den bisherigen Regeln weiterzuspielen, ist unbestritten. Die nächste Großblase, die zur Destabilisierung beitragen wird, wird eine Nahrungsmittel-Blase sein. Wie der deutsche Süßwaren-Hersteller Alfred T. Ritter im Dezember 2010 analysierte , stürzen sich heute erhebliche Teile der internationalen Spekulationswirtschaft auf den globalen Nahrungsmittelhandel, um dort mittels Spekulation die Preise künstlich hochzutreiben, genauso wie sie es vorher mit dem Derivate- und Wohnungsmarkt taten. Je mehr Kapital man dort künstlich hineintreibt, desto mehr kann man mit dem Auf und Ab an den Börsen „spielen“ – genauso wie vorher mit den Derivaten und den Immobilien, nur jetzt eben mit einem neuen Spielgegenstand.
Frage: Warum gerade Nahrungsmittel?
Benedikter: Weil es sich bei Nahrungsmitteln, ebenso wie beim Wohnungsmarkt, um ein Grundbedürfnis des menschlichen Lebens handelt. Gerade für die rücksichtslosesten Spekulanten sind menschliche Grundbedürfnisse immer das erfolgversprechendste.
Frage: Das ist ein tragisches Paradoxon.
Benedikter: Ja, aber es ist so. Die Menschen müssen immer essen, also kann hier aus Sicht der Spekulanten nie allzu viel verloren gehen. Zudem wächst die Anzahl der Menschen weltweit sehr schnell weiter. Bedenken Sie, dass sich die Menschheit allein seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vervierfacht hat. Schon in wenigen Jahren werden mehr als 8 Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Wenn nicht ein Teil von ihnen u.a. im Gefolge der neuen Mond- und Marsmissionen von China, den USA, Russland und Indien schrittweise in den Raum auswandert, werden es bereits 2050 mehr als 10 Milliarden sein. Das wird die Erde technologischen und nachhaltigkeitsorientierten Anbauverbesserungen unweigerlich an ihre Nahrungsgrenzen führen. Die Nahrungsmittelproduktion wird künftig immer umkämpfter werden, einfach weil es immer mehr Esser gibt und die Anbauflächen nicht größer werden. Dazu kommt der Klimawandel, der, wenn er ungebremst weitergeht, für eine Versteppung und Verwüstung ehemals fruchtbarer Gebiete sorgen wird, und damit zu einem Abnehmen der verfügbaren Anbaufläche. Wenn der Derivate- und Wohnungsmarkt also – wie jetzt nach der Krise der Fall – für einige Zeit ausgereizt ist, dann geht das Kapital mit aller Macht in den nächsten Spekulationsmarkt hinein. Und vergessen wir nicht: Von einer Regulierung der internationalen Rohstoffbörsen sind wir heute noch viel weiter entfernt als in jedem anderen Bereich.
Frage: Ein Beispiel?
Benedikter: Im Juli 2010 kaufte der britische Spekulant Anthony Ward 7% der Weltkakaoernte. Der Rohstoffpreis legte in kürzester Zeit um 25% zu. Daraufhin folgten sofort riesige Mengen an Spekulationskapital, um in ebenso kurzer Zeit ebenso gigantische Profite ohne Verpflichtung zu eigener Produktion und Arbeit zu machen. Und das war ganz sicher erst der Anfang. Wie Alfred Ritter sagte: „Die steigende Nachfrage nach Rohstoffen in den Schwellenländern - darunter Nüsse, Milch und Getreide - wird die Achterbahnfahrt der Preise verstärken. Wird Lebensmittelherstellung also ein Geschäft für Zocker? Das Geschäft wird jedenfalls hochriskant. Wetter und Missernten spielen heute nur noch eine Nebenrolle. Alles hängt davon ab, ob die Spekulanten gerade in die Märkte hinein- oder herausgehen.“
Frage: Was sind die Folgen?
Benedikter: Sie sind vielfältig. Ich nenne Ihnen hier zunächst nur eine. Was bisher noch viel zu wenig herausgearbeitet wurde, ist der ganz entscheidende Zusammenhang zwischen der neuen Nahrungsmittelblase, die sich seit Sommer 2010 auftut, und den politischen Umbrüchen in Nordafrika und dem Nahen Osten in den ersten Monaten 2011. Letztere sind die direkte und unmittelbare Folge der neuen Blase. Zuerst gingen Ward und andere „ernsthaft“ in den Nahrungsmittelbereich hinein, dann folgten ihnen angesichts der riesigen kurzfristigen Profite große Mengen an Spekulationskapital. Die Blase dehnte sich rasch von Kakao auf andere Schlüsselressourcen wie etwa Weizen, Milch, Kaffee und Früchte aus. Das führte zu einer allgemeinen, raschen Verteuerung von Grundnahrungsmitteln ab Spätsommer 2010. Dies traf zuerst wie immer vor allem die Schwächsten, nämlich die Armen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Es führte dazu, dass sie die Grundnahrungsmittel kaum mehr bezahlen konnten, und dass dieser Anstieg ihre gesamte Lebensführung gefährdete. Eben davon gingen dann Anfang 2011 die Volksaufstände in Nordafrika aus. Sie waren zunächst eine Revolte gegen die Verteuerung der Nahrungsmittel, und wurden erst davon ausgehend zu einer Jugendrevolte gegen die herrschenden autoritären und diktatorischen Regimes, und schliesslich zu breiten politischen Revolten.
Frage: Hatte die neue Nahrungsmittelblase also paradoxerweise indirekt auch etwas Gutes, indem sie potentiell demokratische Revolten gegen unterdrückerische Regimes auslöste?
Benedikter: Es ist meines Erachtens zweifelhaft, den Teufel mit dem Beelzebub aufzutreiben. Die Wirkungen der neuen Blasen auf Regional- und Globalpolitiken sind voraussichtlich erst am Anfang. Die Nahrungsmittelblase wird in den kommenden Jahren für weitere globalpolitische Erschütterungen sorgen. Wie die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO berichtet, sind die Weltmarktpreise der für viele Gebiete lebenswichtigen, grundlegenden Getreidesorten allein zwischen Februar 2010 und Februar 2011 um mindestens 70% gestiegen. Das hat zwar auch mit steigenden Ölpreisen zu tun, zunehmend aber mit der neuen Lebensmittelblase. Daher sollte die Politik sie - aus den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-10 lernend - von Anfang an ernster nehmen, als sie die Immobilien- und Derivate-Blasen nahm. Sie sollte dieser neuen Blase von Anfang an entschieden und in internationaler Kooperation entgegenwirken.
Frage: Was zeigt sich an diesen Vorgängen grundsätzlich für die Perspektiven der Globalisierung, über den Tagesanlass hinaus?
Benedikter: Es zeigt unter anderem, dass das Spekulationswesen, wie zuletzt zum Beispiel Cesare Casarino von der Universität Minnesota überzeugend rekonstruiert hat, in gewisser Weise im ideengeschichtlichen Wesen der modernen, spekulativen Vernunft begründet ist. Dass Spekulation der Geist der Moderne, und dass der Geist der Moderne spekulativ ist: dass die kapitalistische Moderne ihrem Wesen nach Zukunft antizipiert mittels Erwartungen, die als Realität ausgegeben werden, bevor sie existieren, die sich dann selbstreferentiell und zyklisch fortbilden in einem zum Teil chaotischen und hoch riskanten „trial and error“ Prozess. Die Geschichte des ökonomischen Denkens der vergangenen zwei Jahrhunderte zeigt, dass zwischen dem spekulativen Geist der (westlichen) Moderne und der ökonomischen und finanziellen Zyklik ein enger Zusammenhang besteht, und zwar insbesondere in Bezug auf die Nutzung von Kapital und den Umgang mit Geld. Das gilt sowohl individuell wie nationalökonomisch, wenn auch natürlich mit strukturellen und dynamischen Unterschieden. Daher ist es nicht leicht, aus dem unbewußt zugrundeliegenden, im Ansatz zugleich produktiven wie zerstörerischen Umgang des spekulativen Geistes mit Kapitel herauszukommen - auch nicht im Gefolge der numerisch schlimmsten Finanzkrise aller Zeiten.
Frage: Was noch?
Benedikter: Die bisherige Nach-Krisenphase zeigt ausserdem, daß das Spekulationswesen zunehmend globale politische Valenzen entfaltet - nicht zuletzt wegen seiner kommunikationstechnologischen Aufrüstung, die es mittels „intelligenten“ Mobiltelefonen, Webcams und Internet einerseits immer stärker in Echtzeit ermöglicht, und andererseits in Echtzeit globalisiert. Dadurch wird der Geist der Spekulation zu einer ständigen Präsenz „realer Gegenwart“ - das heißt zu einer gleichsam durchsichtigen Glocke, die alles überwölbt und einhüllt. Da die technologische Entwicklung nicht rückgängig gemacht werden kann, ist eine große Frage, wie wir damit in Zukunft umgehen wollen. Diese Frage ist bislang weitgehend ungelöst. Sie wurde bislang noch nicht einmal ausreichend thematisiert.

4. USA und Zentraleuropa: Unterschiedliche Entwicklungen nach der Finanzkrise

Frage: Man hat im Rückblick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise 2007-10 und ihre Folgen den Eindruck, dass die ökonomischen Leitmächte Europas trotz der Schwierigkeiten von Griechenland, Irland und Portugal schneller über die Krise hinausgekommen sind als die USA; zumindest betrifft das Deutschland und seine Nachbarn. Was sind die Gründe dafür?
Benedikter: Zentraleuropa hat sich trotz erheblicher Probleme im Euro-Raum objektiv durchaus schneller erholt. Deutschland hatte im zweiten Quartal 2010 die beste Wirtschaftskonjunktur seit 20 Jahren. Österreich hat ebenfalls sehr gute Daten.
Frage: Die Frage ist, warum.
Benedikter: Ich sehe einen Hauptunterschied zwischen den heutigen USA und Zentraleuropa in den finanziellen und ökonomischen Strukturgrundlagen - also indirekt auch in den langfristigen systemischen Perspektiven. Die unterschiedlichen Grundlagen haben aber viele wichtige US-Analytiker wie Fareed Zakaria oder Bernhard J. Cohen nicht ausreichend verstanden, die zur Bewertung der Strukturstärke meist nur Wirtschaftsleistung, Währungsstärke und Staatsverschuldung heranziehen, aber nicht berücksichtigen, dass statistisch gesehen heute jeder US-Amerikaner pro Kopf etwa 35.000 Dollar Privatschulden hat (etwa 140.000 $ pro Haushalt) , jeder Deutsche aber etwa 58.000 Euro Privatersparnisse. Ein Unterschied zwischen den USA und Deutschland ist also: Die USA haben exzessive National- und Privatschulden (einschliesslich Bundesstaaten, Städte und Gemeinden), während Deutschland zwar fast ebenso hohe nationale Schulden pro Kopf hat (einschliesslich Bundesländer und Gemeinden), aber über ganz andere durchschnittliche Privatschulden verfügt. Letzteres ist nicht zuletzt Ausdruck unterschiedlicher Finanzkulturen, das heisst der unterschiedlichen kulturellen Grundgewohnheiten, mit Geld umzugehen.
Frage: Und?
Benedikter: Dazu kommt die Geldmengenentwicklung, die in den USA aufgrund der bekennenden Inflationsgläubigkeit der US Federal Reserve Bank in den vergangenen Jahren im Vergleich zu Europa überproportional gestiegen ist. Auch wenn Zentraleuropa - in eigenem Interesse - einen Teil der Lasten des Euro tragen wird müssen, was glauben Sie: Machen diese Faktoren einen Unterschied in der sozio-ökonomischen Gesamtsolidität einer Gesellschaft, oder (mit den meisten heute meinungsführenden US-Analytikern) emphatischer ausgedrückt, einer „Zivilisation“ , aus, oder nicht?
Frage: Offenbar ja. Sie stellen hier ja nur eine rhetorische Frage?
Benedikter: Trotzdem tun viele US-Analytiker derzeit so, als sei Europa ganz hart an der Kante des Abgrunds gerade noch einmal davongekommen, während die USA aufgrund ihrer flexibleren und schnelleren Wirtschaftszyklen trotz zahlreicher Angriffsflächen in ihrem performativen, dynamischen Prozess-Zentrum angeblich nie wirklich in Gefahr waren.
Frage: Warum diese (Miss-)Deutung?
Benedikter: Das hat damit zu tun, dass die meisten Amerikaner, einschliesslich der Intellektuellen, vor dem Hintergrund ihrer ureigensten Kultur und Lebensform nicht verstehen können, wie man ein Leben lang sparen kann, statt das Geld ständig auszugeben - und zwar noch bevor man es verdient hat. Die gesamte US-Kultur ist im Kern auf einem antizipativen Umgang mit Geld, also auf Schulden aufgebaut.
Frage: Inwiefern?
Benedikter: Schulden sind ein zirkulärer Prozeß des Vorwegnehmens und Zurückgebens. Dieser Prozeß wird in den USA als der Charakter der Zeitlichkeit selbst erlebt, also als gewissermassen natürlicher Prozeß des Lebens an sich. Die Schuldenkultur ist im innersten Zentrum Amerikas verankert, ja bildet die ureigenste Identität Amerikas an grundlegender Stelle mit aus. Sie hat ihre spezifischen national- und (seit mindestens vier Jahrzehnten, d.h. seit der Ölkrise der 1970er Jahre) auch globalökonomischen Vor- und Nachteile. Wie man sie auch bewertet, sie ist von zentraler Bedeutung. Und bevor Europa die Andersheit dieser Kultur nicht besser als bisher versteht, wird es schwierig sein, zu wirklich tiefergehenden gemeinsamen regulatorischen Maßnahmen des Finanz- und Wirtschaftssektors zu kommen.
Frage: Warum?
Benedikter: Weil praktisch alle wichtigen Reformmaßnahmen des internationalen Finanzsystems in Zukunft die stärkere Berücksichtigung der bis in die Grundpfeiler hinein unterschiedlichen Geld- und Finanzkulturen zwischen den USA und Europa voraussetzen. Andernfalls werden die USA – wie zuletzt bei der Frage der internationalen Bankenvorsorgeabgabe, der globalen Transaktionssteuer auf Risikogeschäfte oder der Inflationsfrage – weiterhin nicht mit Europa mitgehen. Ein solches Verständnis hilft dann umgekehrt aber auch, das Eigene Europas in den USA besser verständlich und in seinen in vielerlei Hinsicht andersartigen Argumentationsformen akzeptabel zu machen.
Frage: Was wäre nötig, um ein solches Verständnis aufzubauen und komplexitätsadäquat zu artikulieren?
Benedikter: Dazu gehört meiner Meinung nach an zentraler Stelle, dass wir endlich den kulturellen Kern der Finanzkrise verstehen. Das ist bisher noch viel zu wenig geschehen. Während man in den Sozialwissenschaften seit den 1990er Jahren den Aufstieg von Kultur zum politischen und kontextpolitischen Faktor immer besser verstanden und anerkannt hat , bleibt die Rolle von Kultur als finanzpolitischer und ökonomischer Faktor noch immer stark unterbewertet und auch unterbelichtet. Vergessen wir nicht, dass die Finanzkrise von den USA ausging – und zwar weniger von deren Wirtschaftsleistung im engeren Sinn, sondern vielmehr von deren Grundverankerung in einer Schuldenkultur. Das wird bisher in Europa noch immer unterschätzt, ist aber wahrscheinlich mindestens ebenso wichtig wie die stringent ökonomische oder finanztechnische Dimension.
Frage: Nämlich?
Benedikter: Die ökonomische und finanztechnische Dimension Amerikas sind ohne die kulturelle Dimension nicht wirklich verstehbar, da sie in ihren Ursachen und in ihrer „Tiefe“ aufs engste mit dieser zusammenhängen. Hier ist die sozio-ökonomische Grundlagendifferenz zwischen den USA und Europa zugleich eine Habitus-Differenz. Diese Differenz besteht darin, dass die gesamte US-Kultur, ja die US-Zivilisation als solche auf einer bestimmten Art des „Zukunft vorwegnehmenden“ Umgangs mit Geld begründet ist. Vergessen wir nicht: Kapital ist in der Moderne ja tatsächlich die zentrale zukunftsantizipierende soziale Kraft. Es ist genau besehen seinem Wesen nach nichts anderes als die Vorwegnahme und Ermöglichung von Zukunft in der Gegenwart! Diese Einsicht und die daraus resultierende wechselseitige Durchdringung zwischen Alltagskultur, Kapital, Geld und Geist ist in den USA viel unmittelbarer, tiefgehender und umfassender ausgeprägt als in Europa.
Frage: Inwiefern?

5 Die Gründe: Unterschiedliche atlantische Finanzkulturen in Wechselwirkung mit unterschiedlichen Gesellschaftsstrukturen

Benedikter: Blicken wir zurück: In der neoliberalen Epoche zwischen 1989 und 2007 lag das Gravitationszentrum der weltweiten Kapitalströme in den USA und generell in der anglo-amerikanischen Welt (Wall Street und London). Deren Usancen haben praktisch alle anderen Weltregionen nachgeahmt. Warum aber konnte die Krise gerade in den USA ausbrechen? Und warum ist sie dort bis heute viel hartnäckiger vorhanden? Hat das möglicherweise nicht nur einen Wirtschafts-, sondern einen „größeren“ Kulturgrund? Das sollten wir uns endlich ernsthafter als bisher fragen.
Frage: Einverstanden. Geben Sie uns Antworten.
Benedikter: Es ist dies: In den USA besteht - wenigstens typologisch und heuristisch besehen - traditionell eine ganz andere Finanzkultur, und damit ein ganz anderer sozio-ökonomischer Gesamtmechanismus als in Europa. Die amerikanischen Banken und Finanzinstitutionen geben im Vergleich mit ihren Pendants in Europa systemisch weit stärker Personalkredite als Realkredite. Vereinfachend gesagt gilt: In den USA erhält man zuerst einen Kredit - und zwar einen anteilsmässig meist erheblich höheren als in Europa - ohne Sicherheit, rein im Vertrauen auf eine zukünftig zu erbringende Arbeitsleistung. Dann kauft man mit dem Kredit zum Beispiel ein Auto, dann arbeitet man mit dem Auto, dann zahlt man mit dem Ertrag den Kredit oder zumindest dessen Zinsen zurück. Dabei werden noch während der Rückzahlung der alten Ausstände üblicherweise ständig neue Schulden gemacht. Es ist ein ständiger Kreislauf von Schulden zurückzahlen und gleichzeitig neue Schulden machen.
Frage: Hat dieser Kreislauf denn ein Ziel? Ist er auf etwas Bestimmtes hin ausgerichtet?
Benedikter: Nein. Der Kreislauf ist auf kein besonderes Ziel oder Endpunkt hin ausgerichtet. Er ist vielmehr eine Lebensform, eine Seinsform, ein natürlicher Zustand. Er zielt immer, und unablässig immer wieder von neuem, auf eine noch nicht vorhandene Zukunft hin. Diese Zukunft wird als realer als die Gegenwart erlebt, weil in ihr der Fokus des Strebens und der Aufmerksamkeit liegt. In Europa, einschliesslich Deutschland, dagegen ist die Tendenz kulturell eher umgekehrt: Zuerst beweist man die Kreditwürdigkeit oder verfügt über ein Grundkapital oder irgendetwas materiell Verfügbares, dann kauft man darauf aufbauend das Auto, usw. Es geht in Europa also tendenziell um eine Sicherheit, eine Absicherung, die aus der Vergangenheit herkommt. Das, was da ist, ist in Europa das unmittelbar Reale, nicht primär die Zukunft.
Frage: Das heisst?
Benedikter: Drei Aspekte: Ausbildung oder Bildung, ein kontinuierliches Einkommen mittels Arbeit und eine feste Anstellung zählen in den USA weit mehr als in Europa. Sie allein sind meist ausreichend als „Sicherheit“, da sie Produktivität als in die Gegenwart rückwirkendes „Zukunftskapital“ wahrscheinlich machen. Alle drei sind eher Potentialitäten als Realitäten (oder, aristotelisch gesprochen, „Aktualisationen“ ). In Europa dagegen muss aus einer Potentialität tendenziell schon etwas „Zählbares“, das heisst eine „Aktualisation“ hervorgegangen sein, um ausreichende Kreditwürdigkeit zu generieren. Stark vereinfacht und typologisierend gesagt sind die USA systemisch (und wenn Sie so wollen „zivilisatorisch“) im Kern eher eine Kultur der Personalkredite - und damit eine Kultur der „subjektiven“ Potentialität in die Zukunft hinein. Europa dagegen ist, wiederum stark verkürzt gesagt, eher eine Kultur der Realkredite - und damit der Sicherheit des Vergangenen, der Absicherung durch das bereits Gewordene, durch das „objektiv“ Vergangene. In den USA wird die Potentialität des Einzelnen gewissermaßen unmittelbar angesprochen und zur direkten Aktion in die Zukunft hinein freigesetzt, wenn sie vielleicht auch noch nicht wirklich bereit oder „gereift“ dafür ist. In Europa dagegen wird sozusagen erst das Reife zukunftswürdig.
Frage: Das bedeutet?
Benedikter: In Europa erfolgt ein behutsamer Aufbau, aufbauend auf die Vergangenheit. In den USA dagegen antizipiere ich ständig Zukunft mittels Schulden, und daher ist die Gegenwart immer schon zu einem sehr hohen Maß durchdrungen und erfüllt, ja geradezu besetzt von der Zukunft. In Europa baue ich mir zuerst eine Vergangenheit auf mittels Ersparnissen, um mich zu befähigen, darauf aufbauend erst eine Gegenwart zu gewinnen.

Roland Benedikter, Dott. Dr. Dr. Dr., ist Europäischer Stiftungsprofessor für Politische und Kultur-Soziologie an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara sowie Visiting Scholar / Research Affiliate 2009-13 am Europa Zentrum der Stanford Universität, USA. U.a. Mitarbeiter an Ernst Ulrich von Weizsäcker‘s Bericht an den Club of Rome 2003: „Grenzen der Privatisierung“ - alle drei Fassungen: Englisch 2005, Deutsch 2006, Chinesisch 2007 -, Autor und Herausgeber von 14 Büchern, Autor von mehr als 100 Einzelpublikationen in Fachzeitschriften des europäischen und anglo-amerikanischen Raums, 2006-2011 Founding External Advisor und External Examiner des Studiengangs „Social Banking and Social Finance“ der Universität Plymouth in Zusammenarbeit mit dem Institute for Social Banking Bochum. Autorisierte Internetseiten: http://europe.stanford.edu/people/rolandbenedikter/ und http://en.wikipedia.org/wiki/Roland_Benedikter. Kontakt: rben@stanford.edu oder r.benedikter@orfaleacenter.ucsb.edu.

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Interview mit Roland Benedikter

Interview mit Roland Benedikter
Die Fragen stellte Prof. Dr. habil. Christoph Strawe, Stuttgart.

Roland Benedikter, Dott. Dr. Dr. Dr., ist Europäischer Stiftungsprofessor für Politische und Kultur-Soziologie an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara sowie Visiting Scholar / Research Affiliate 2009-13 am Europa Zentrum der Stanford Universität, USA.
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ID: 46930
Author(s): UR
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Publication date: 06/04/11
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