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Die Rente ist wieder in aller Munde. Kaum ein Thema eignet sich mehr für Populismus als die Angst vor Altersarmut. Und so jagt ein Reformvorschlag den nächsten. Da die Riester­rente als gescheitert angesehen wird, wird jetzt die Betriebsrente zum neuen Heilsbringer erkoren. Im Gesamtkonzept zur Alterssicherung erklärt das Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales die Betriebsrente zur „ersten Wahl, wenn es um den weiteren Auf- und Ausbau der zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge geht.” Doch ob die Bürger zunächst ihr Gehalt ausbezahlt bekommen und danach eine Renten­versicherung bei einem Lebensver­sicherer abschließen oder ob die Betriebe einen Teil des Gehaltes einbehalten und direkt in eine Rentenversicherung einbezahlen, ändert nichts an den Grund­problemen zusätzlicher kapitalgedeckter Altersvorsorge in Deutschland. Wir brauchen wesentlich weitergehende Reformen.

1. Nur mit einer echten Garantierente in der GRV wird zusätzliche Altersvorsorge attraktiv

Gemäß der Statistik der deutschen Rentenversicherung erhält ein Viertel aller Neu-Rentner mit mehr als 35 Versicherungsjahren monatlich weniger als 800 Euro Rente. Für Menschen, die im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, lohnt sich jedoch Altersvorsorge nicht, da diese angerechnet wird. Die wichtigste Maßnahme zur Akzeptanzsteigerung zusätzlicher Alters­vorsorge ist daher eine Reform der gesetzlichen Rente. Alle Menschen, die den größten Teil ihres Lebens arbeiten, müssen eine echte Rente und keine großzügige Form der Sozialhilfe garantiert bekommen. Das bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Einkünfte aus zusätz­licher Altersvorsorge nicht – und zwar gar nicht – auf diese Garantierente angerechnet werden dürfen. Auch eine Teil­anrech­nung oder Freibeträge führen zu einer negativen Rendite der Altersvorsorge. Ein politisches System, dass Menschen jahrzehntelang ermuntert, sich einen Teil ihres knappen Einkommens abzusparen, um ihnen diese Ersparnis im Alter wieder wegzunehmen, kann wohl nur als grotesk bezeichnet werden.

2. Private Altersvorsorge ist heute deutlich zu teuer

In der Wissenschaft gibt es manche Kontroversen, wie man Geld am besten anlegt. Bei einer Aussage herrscht jedoch Konsens: die Kosten spielen eine ganz wesentliche Rolle bei der Geldanlage, ganz besonders bei der Altersvorsorge aufgrund des extrem langen Anlagehori­zontes. Wer zum Beispiel mit 25 anfängt zu sparen, bis zum 67. Lebensjahr jedes Jahr 1.000 Euro bei einem Zinssatz von 3 % spart, und für die Geldanlage 10 Basispunkte pro Jahr Gebühren zahlt, kann sich über eine Rente von 740 Euro im Monat freuen. Wer hingegen bei einer Lebensversicherung 5 % anfängliche Abschlussgebühr und anschließend 90 Basispunkte jährliche Verwaltungsgebühr zahlt, erhält lediglich eine Rente von 480 Euro pro Monat, trotz gleicher 3 %iger Verzinsung auf den Sparbeitrag. Obwohl die Gebühren auf den ersten Blick nicht besonders hoch aussehen, ergibt sich also in der kostengünstigen Variante eine um 56 % höhere Rente.

Bei der iff-Konferenz im letzten Jahr forderte Frank Breitling vom DWS einen Benchmark für überhöhte Kosten. Seiner Meinung nach sei nirgends definiert, ob „2 % pro Jahr, 1 % pro Jahr oder sogar 0,5 % pro Jahr zu teuer ist.” Damit liegt er falsch. Diesen Benchmark gibt es. In Schweden verhandelt der Staat die Kosten der kapitalgedeckten Altersvorsorge für seine Bürger. Insgesamt sind 109 Anbieter mit 850 Anlagestrategien zur sogenannten Premium Pension, dem schwedischen Äquivalent unserer Riesterrente zugelassen. Die durchschnitt­lichen Kosten pro Anbieter betragen nicht 0,5 % pro Jahr, auch nicht 1 % und schon gar nicht 2 %, wie manch deutscher Aktienfonds. In Schweden zahlen die Bürger im Durchschnitt nur 0,25 % pro Jahr an die privaten Anbieter von Altersvorsorgeprodukten.

Der Staat hat einen besonders starken Hebel für die Preisverhandlung: er hat einfach selber einen Pensionsfonds für seine Bürger aufgelegt, in dem er breit gestreut passiv investiert. Die Verwaltungskosten liegen bei gerade einmal 9 Basispunkten, also 0,09 % pro Jahr.

3. Altersvorsorge mit festverzinslichen Wertpapieren lohnt sich nicht

Die Deutschen haben Angst vor Aktien. In kaum einem anderen Land ist die Aktienkultur so schlecht ausgeprägt. Eine Teilschuld daran könnte der Staat tragen, der über viele Jahrzehnte das Sparen über Lebensversicherungen steuerlich gefördert hat und so dieser Form der Altersvorsorge quasi ein staatliches Gütesiegel verpasst hat. Dabei sind Aktien für lang­fristige Anleger ideal. Wer über Jahrzehnte Monat für Monat Aktien kauft und danach ebenfalls über Jahrzehnte Monat für Monat wieder langsam aus den Aktien aussteigt, wird von der langfristigen durchschnittlichen Aktienrendite profitieren. Und diese ist deutlich höher als diejenige von festverzinslichen Anlagen. Wer zum Beispiel in den 1980er Jahren dreißig Jahre lang jeden Monat 100 Euro in einen Lebensversicherungsvertrag eingezahlt hat, erhielt laut der Ratingagentur Assekurata eine Ablaufleistung 86.500 Euro. Wer in dersel­ben Zeit zehnjährige Bundesobligationen gekauft hätte, hätte immerhin knapp 105.000 Euro erlöst. Wer in demselben Zeitraum Monat für Monat den Dax gekauft hätte, wäre auf über 129.000 Euro gekommen.

4. Auch volkswirtschaftlich macht es keinen Sinn, die Altersvorsorge in festverzinsliche Wertpapiere anzulegen

Langfristige Investitionsprojekte sollten möglichst mit Eigenkapital finanziert werden. Der unflexible Schuldendienst mit festen Zinsen und relativ schneller Tilgung eines Bankdar­le­hens passt nicht zu risikoreichen Projekten. Besonders wichtig ist dies für junge Unterneh­men, deren Cash-Flow kaum zu prognostizieren ist. Unternehmen, die zu viel Fremdkapital bei ihrer Finanzierung einsetzen, sind weitaus weniger stabil, wie man besonders deutlich bei Banken während der Finanzkrise gesehen hat.

Die derzeitige Form der kapitalgedeckten Altersvorsorge führt dazu, dass es kaum Eigen­kapitalangebot aus Deutschland gibt. Unternehmen, die Kapital über die Börse einwerben, müssen in Schweden, den Niederlanden, den USA und anderen Ländern auf Roadshow gehen. Selbst die Aktionärsstruktur der lang etablierten Unternehmen des DAX 30 ist zu etwa zwei Dritteln ausländisch geprägt. In Schweden zum Beispiel sieht dies ganz anders aus. Die Börsenkapita­lisierung der schwedischen Börse ist im Vergleich zum BIP um 60 % höher als in Deutsch­land und trotzdem sind die dort gelisteten Unternehmen mit großer Mehrheit in der Hand von schwedischen Investoren. Auch das Angebot an Venture Capital in Schweden ist 2,6 mal höher als in Deutschland. Demgemäß gibt es dort auch eine weit erfolgreichere Gründerszene als in Deutschland.

5. Freiwilligkeit bei Altersvorsorge ist keine gute Idee

Die meisten Menschen denken zu kurzfristig, um bereits in jungen Jahren für ihr Alter zu sparen. Menschen legen in der Praxis viel weniger für ihr Alter zurück, als sie eigentlich für richtig halten. Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass es ausreicht, die Entscheidungs­findung umzudrehen: Wenn man sich nicht aktiv für, sondern aktiv gegen Altersvorsorge entscheiden muss, kann die Verbreitung von zusätz­licher Altersvorsorge deutlich gesteigert werden. Man muss Menschen nicht zwingen, Geld zurückzulegen. Es reicht, ihnen die Entscheidungsfindung zu erleichtern.

Auch in der Politik wird die mangelnde Verbreitung zusätzlicher Altersvorsorge als Problem gesehen. Als Lösung wird jedoch nicht ein Opt-out für die private Altersvorsorge, sondern eine obligatorische betriebliche Altersvorsorge diskutiert. Alle Unternehmen sollen verpflichtet werden, ihren Mitarbeitern betriebliche Altersvorsorge anzubieten.

6. Obligatorische betriebliche Altersvorsorge würde zum Freudenfest für Lebensversicherer

Heute haben nur 57 % der Arbeitnehmer eine betriebliche Altersvorsorge. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen scheuen den enormen bürokratischen Aufwand. Sollten diese dazu gezwungen werden, trotzdem betriebliche Altersvorsorge anzubieten, können sie das im Grunde nur über Direktversicherungen lösen. Mit einem obligatorischen bAV-Angebot würde man zwar die Verbreitung kapitalgedeckter Altersvorsorge in Deutschland massiv erhöhen, aber ansonsten bliebe alles beim Alten: die Altersvorsorge hätte immer noch zu hohe Kosten, sie wäre weiter so intransparent wie die heutigen Riesterverträge und die Lebensversicherer würden immer noch in festverzinsliche Wertpapiere anlegen. Dafür würde niemand mehr über eine Krise in der Lebensversicherungsindustrie sprechen, denn durch eine obligatorische bAV würde ihr Geschäft geradezu beflügelt.

7. Die Lösung ist ein Vorsorgekonto, sprich ein Bürgerfonds nach schwedischem Vorbild

In diesem Modell erhalten alle Bürgerinnen und Bürger ein Vorsorgekonto, auf das von ihren Arbeitgebern automatisch ein kleiner Prozentsatz ihres Einkommens überwiesen wird. Wer nicht für sein Alter vorsorgen möchte, kann das Konto für ein Jahr beitragsfrei stellen. Im folgenden Jahr wird die Einzahlung automatisch fortgesetzt, außer man stellt das Konto erneut beitragsfrei. Anstatt das Vorsorgekonto beitragsfrei zu stellen, kann man sich auch entscheiden, das Geld in einer anderen Form der privaten oder betrieblichen Altersvorsorge anzusparen. Das Geld auf dem Vorsorgekonto geht in einen Bürgerfonds nach schwedischem Vorbild und wird dort so wie in Schweden bis zum 55. Lebensjahr ausschließlich in Aktien und außerbörsliches Eigenkapital sowie Infrastrukturprojekte investiert. Danach wird die Aktienquote langsam zugunsten festverzinslicher Papiere zurückgefahren. Genauso wie in Schweden soll auch die Verrentung anhand der statistischen Lebenserwartung erfolgen. Das Vorsorgekonto kann daher weder ausbezahlt noch vererbt werden. Gemäß einem juristischen Gutachten von Professor Schwintowski aus Berlin ist ein solches Vorsorgekonto rechtlich unproblematisch.

Ob dieses Modell nun als private Altersvorsorge und Ersatz für Riester tituliert wird, weil die Menschen freiwillig (per Opt-out) für ihr Alter vorsorgen, oder ob man es betriebliche Altersvorsorge nennt, weil die Unternehmen verpflichtet werden, das Vorsorgekonto für ihre Mitarbeiter einzurichten und die Zahlungen direkt vom Lohn einzubehalten, ist völlig unerheblich. Relevant ist, dass die Bürgerinnen und Bürger endlich ein vernünftiges, kostengünstiges und rentables Angebot für zusätzliche Altersvorsorge erhalten. Auch der deutsche Bürgerfonds wird mit ähnlich niedrigen Verwaltungskosten auskommen wie der schwedische Pensionsfonds. Und da er die gleiche Anlagestrategie verfolgt, wird er auch eine vergleichbar gute Rendite erwirtschaften. In Schweden waren dies seit der Gründung der sogenannten Premium Pension vor 17 Jahren durchschnittlich 6,7 % pro Jahr nach Abzug aller Kosten. Kein Wunder, dass sich die schwedische Riesterrente höchster Popularität erfreut und höchste Zeit, dass dies auch in Deutschland möglich wird.